Erasmus in Tübingen: Die Geschichte einer Odyssee an einer Eliteuni

Eine Reise ins Ausland ist immer etwas Spannendes. Man kommt mit fremden Kulturen in Kontakt, lernt neue Menschen kennen, erweitert seinen Horizont und muss sich von Vertrautem lösen. Besonders spannend wird eine solche Reise, wenn man vorhat, mehr als nur ein paar Tage unterwegs zu sein. Zum Beispiel für ein ganzes Semester.

Darauf war ich eingestellt, als ich im Herbst beschloss, das Wintersemester 2015/16 nicht in Tübingen zu verbringen, sondern im Ausland. Über das Erasmus-Programm sollte das laufen, an einer Uni, an der die Veranstaltungen auf Englisch abgehalten würden. Ich glaubte allerdings nicht, dass die wahre Odyssee hier in Tübingen stattfinden würde.

Die durch die Bologna-Reform enstandenen Bachelor- und Master-Studiengänge werden (zu Recht) viel und oft kritisiert, was ihnen aber meistens zugute gehalten wird, ist die stark vereinfachte Möglichkeit, ein oder mehrere Semester im Ausland zu verbringen. Darum glaubte ich, mit meinem Wunsch nach einem Erasmus-Aufenthalt nicht alein zu sein und auf ausgetretenen Pfaden zu wandeln.

Die erste Überraschung bot sich mir allerdings schon, als ich mich auf der Homepage meines Institus, dem physikalischen Institut der Uni Tübingen, informierte: Im Gegensatz zu allen anderen Instituten kümmert sich an unserem Fachebartungszentrum (FBZ) niemand um Erasmus-Studenten. Auch die öffentliche Liste der verfügbaren Partner-Universitäten ist eher kurz. Englischsprachige Plätze waren zwei aufgeführt, einer in der verschlafenen für ihre Luftgitarren-WM bekannten Stadt Oulu in Nordfinnland, einer unter dem Vorbehalt “Vertrag wird versucht zu verlängern” (Anmerkung: Dieser Versuch ist bisher gescheitert, dazu später mehr) in Brighton, UK. Ein bisschen schwach, dachte ich; dafür, dass wir ca. 150 Studenten pro Jahr sind und Englisch Wissenschaftssprache Nr. 1 ist. Zur Erinnerung: Die Universität Tübingen wird regelmäßig bei der Exzellenz-Initiative ausgezeichnet und lässt sich gerne als “Elite-Uni” bezeichnen.

Glücklicherweise war man im Fachberatungszentrum Mathematik bereit, auch Physik-Studierende zwecks Erasmus zu beraten und ihnen sogar Plätze an den Partner-Unis der Mathematik zu bieten. Die Bedingung war: Meldet sich bis zum Ende der Anmeldungsfrist am 01.02.2015 niemand aus der Mathematik und bekundet Ineteresse am gewünschten Platz, würde man auch PhysikerInnen unbürokratisch nominieren. Das ermöglichte mir, mich zwischen deutlich mehr Austauschuniversitäten zu entscheiden als es bei der Physik der Fall gewesen wäre. Ich entschied mich für eine Bewerbung auf einen von zwei Plätzen an der Universitetet i Oslo in Norwegen. Ich würde dort die Möglichkeit haben, englische Kurse zu belegen und dennoch nebenher zumindest in den Grundzügen norwegisch zu lernen. Außerdem liebe ich Skandinavien, sodass die norwegische Hauptstadt für mich der ideale Austauschort schien.

Ich informierte mich über die Uni vor Ort, las Erfahrungsberichte, plante, stellte mir sogar schon Kurse zusammen, die ich gerne belegen würde schrieb insgesamt etwa eine DIN-A-4-Seite an Informationen über das geplante Semester zusammen. In der Zwischenzeit meldet sich zwar ein Mathematiker, der auch nach Oslo wollte, da aber zwei Plätze frei waren, stellte das kein Problem dar. Gegen Ende Januar wurde ich gefragt, ob ich nun verbindlich zusagen würde, was ich ohne Zögern tat. Ich freute mich ehrlich gesagt sehr darauf, von August bis Dezember in Norwegen zu leben.

Am 01.02.2015 um 23:21, 39 Minuten vor Ende der Bewerbungsfrist, bekam ich per E-Mail eine Absage. Ein weiterer Mathematikstudent hätte sich gemeldet und würde selbstverständlich den Vorzug bekommen. Auch am FBZ der Matehmatik war man darüber enttäuscht, meine Kontaktperson dort hatte sich sehr freundlich, engagiert und mit viel Aufwand um mich gekümmert und schon viel Arbeit in Recherche zu möglichen Kursen etc. gesteckt. Doch man hatte keine andere Wahl, die Regeln waren klar.

In einem weiteren Gespräch mit eben jener Kontaktperson am FBZ wurde mir gesagt, ich wäre nicht der einzige Physikstudent gewesen, der dieses Jahr nach Oslo wollte. Auch in der Vergangenheit waren mehrere von uns über die Mathematik in Oslo — oder hatten es vergeblich probiert. Im Kollegium des mathematischen Instituts herrsche wohl schon eine gewisse Entnervtheit darüber, dass man der finanziell deutlich besser aufgestellten Physik beim Thema Erasmus ständig unter die Arme greifen müsse und eigene Ressourcen für Auslandsaufenthalte fachfremder Studierender nutzen müsse. Auch hier hatte man den Eindruck, dass das physikalische Institut viel zu wenige Plätze an Englischsprachigen Austausch-Unis anbietet. Ich beschwerte mich daraufhin schriftlich bei Prof. G., der auf der Homepage meines Fachberatungszentrum ausdrücklich als Ansprechpartner für Erasmus-Fragen angegeben ist, da die Stelle am FBZ wie erwähnt nicht besetzt ist. Wir vereinbarten kurzfristig ein Treffen.

Gleich zu Beginn dieses Treffen beschwerte sich Prof. G. etwas verärgert, dass Studierende sich in solchen Fragen immer wieder  an ihn wendeten. Ungeachtet aller anderslautenden Hinweise auf den Seiten unseres Instituts sei er keinesfalls Erasmus-Koordinator des Instituts, er würde nur einige vereinzelte Partnerschaften pflegen. Erasmus-Koordinator sei Prof. W., er selbst könne diese Aufgabe auf keinen Fall wahrnehmen und sich erst Recht nicht darum kümmern, neue Partnerschaften, beispielsweise mit der stark nachgefragten Universität Oslo, aufzubauen. Gleichzeitig sagt er, die Lage würde vermutlich viel besser aussehen, wenn sich Studierende fänden, die sich am Fachberatungszentrum um Erasmus-Interessenten kümmen wollen. Dies sei aber nicht der Fall. Die Entnervtheit der MathematikerInnen, die keine Physik-Studierenden mehr betreuen wollen, konnte er nicht nachvollziehen. Im Gegenteil, dort könne man doch mal probieren, ausnahmsweise drei statt zwei Studierende nach Oslo zu schicken, um mir auch einen Platz zu bieten. Alles Weitere müsste ich mit Prof. W. lären. Ich fühlte mich langsam wie Asterix und Obelix auf der Suche nach Passierschein A38

Eine Hand weiß nicht, was die andere tut.

Ich verließ also das Gespräch, ohne ernsthaft weiter gekommen zu sein. Ich schrieb in der Zwischenzeit an unser Dezernat für Internationale Angelegenheiten, um mich nach eventuell vorhandenen Restplätzen anderer Institute zu erkundigen. Parallel dazu sprach ich mit Prof. W. am Rande einer Vorlesung. Dabei tata sich die wohl größte Überraschung auf: Er wusste nichts davon, dass er Erasmus-Koordinator sei! Er habe zwar bisher eine Partnerschaft betreut (Brighton), sei aber felsenfest davon überzeugt, dass Prof. G. der Gesamt-Koordinator sei! Dass dieser mich zu ihm geschickt hatte, überraschte ihn sehr. Abgesehen davon habe aber auch er leider keine Kapatitäten, um sich um neue Partnerschaften zu kümmern. Wer dafür zuständig sei, wisse er nicht. Er riet mir, mich entweder um ein Stipendium für einen Aufenthalt außerhalb Europas zu kümmern oder ohne jegliches Austauschprogramm auf eigene Faust an meine Wunschhochschule zu gehen. Ersteres kommt für mich aufgrund der langen Vorlaufzeit nicht in Frage, letzteres ist natürlich ein finanzieller Kraftakt.

Schlussendlich stehe ich zwar immer noch ohne Erasmus-Platz da, weiß aber inzwischen nicht einmal mehr, wer an meinem Institut dafür zuständig sein soll. Zurück bleibt die Erkenntnis, dass es für das physikalische Institut einer Eliteuni wohl ausreicht, 120 Studierenden im Jahr einen englischsprachigen Platz in der finnischen Provinz anzubieten und sich jedenfalls keiner dazu gezwungen sieht, das zu ändern.

Ich persönlich hoffe jetzt auf einen Platz aus der “Restplatzbörse” unseres Dezernats für internationale Angelegenheiten, um meine Odyssee vielleicht doch noch in Oslo enden zu lassen.

2 Comments

  1. Mir war gar nicht bewusst, dass die Betreuung von Erasmus bei den Naturwissenschaften so ernüchternd zu sein scheint. Gerade in MINT-Fächern sollte man meinen, dass die Pflege zu Partneruniversitäten eine hohe Priorität einnehmen sollte. Gerade da ist ein Austausch doch empfehlenswert, wenn nicht sogar dringend erforderlich!

    Hat sich seit dem irgendwas für dich ergeben?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zeig uns, dass du kein Bot bist! Löse bitte folgende Gleichung: * Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.